Wie fundraisen, wenn das Gute nicht mehr Konsens ist?
Vieles, was in meiner Jugend noch mehr oder weniger im Konsens als das “Gute” galt, wird heute in Frage gestellt. Mehr noch: Es wird von Teilen der Gesellschaft bekämpft, und rechte Demagogen befeuern das. Heute Spenden für Klimaschutz, Seenotrettung, Menschenrechte oder ähnlich polarisierende Themen zu sammeln bedeutet, Gegenwind zu bekommen. Nicht nur ein desinteressiertes Schulterzucken, sondern offene Ablehnung, sogar Angriffe. Manche klicken auf Wut- und Lach-Smilies, andere kommentieren unsere Postings mit Parolen, die früher nur an den Rändern laut wurden.
Das Klima kippt – nicht nur das ökologische.
Und genau hier wird Fundraising politisch, ob wir das wollen, oder nicht. Auch wenn Deine Organisation „unpolitisch“ arbeitet. Dein guter Zweck muss nicht mehr guter Zweck im Sinne der Mehrheit sein. Fragen nach der Verhandelbarkeit von Menschenrechten, nach der “Klimalüge”, nach der Legitimität von Asylgründen sind keine akademischen Fragen mehr. Sie beeinflussen unser Fundraising, weil sie beeinflussen wer gibt und wer sich abwendet. Oder schlimmer noch: wer aktiv gegen dich mobilisiert.
Wir dürfen uns nicht wegducken
Die Versuchung ist groß, auf „unverfängliche“ Themen auszuweichen. Lieber Tierpatenschaften als Menschenrechte. Lieber Blühwiesen als Klimaschutz. Und ja – das funktioniert kurzfristig. Aber mittelfristig zahlen wir einen hohen Preis: Wir verlieren die Themen, für die wir angetreten sind und unsere Stimme in einem gesellschaftlichen Kampf über Fakten und Moral.
Darum braucht es gerade jetzt Fundraising, das Haltung zeigt. Nicht laut oder belehrend, sondern empathisch. Fundraising, das nicht polarisiert, sondern verbindet – ohne anzubiedern.
Empathie als Brücke
Was für Elon Musk eine Schwäche ist, sehe ich als unsere Chance: Empathie zu erzeugen, Menschlichkeit zu fördern und Brücken zu bauen ist, was diese Gesellschaft dringend nötig hat. Patentrezepte gibt es leider keine (oder man hat sie noch nicht gefunden). Doch einiges beobachte ich immer wieder:
- Erzähle Geschichten, die verbinden – nicht spalten. Menschen spenden nicht für abstrakte Ziele, sondern für andere Menschen. Für das Kind, das sicher zur Schule gehen will. Für die Familie, die ihr Zuhause vor Hochwasser schützen will. Für den Geflüchteten, der in der Freiwilligenfeuerwehr angekommen ist. Geschichten, die zeigen, dass „die Anderen“ nicht so anders sind. Solche Geschichten sind ein Gegenpol zur vorherrschenden Erzählung und helfen, Vorurteile abzubauen.
- Nimm Ängste ernst – ohne sie zu bedienen. Es bringt nichts, Menschen für ihre Sorgen zu verurteilen. „Früher war alles besser“ ist selten sachlich, aber oft emotional ehrlich. Wer denkt, dass alle Geflohenen Messerstecher sind, ist für Fakten nicht zugänglich, denn Angst kann man nicht mit Statistiken zerstreuen. Wer hier zuhört, statt zu belehren, baut Brücken.
- Zeige Wirkung – und Hoffnung. Gerade in Zeiten, in denen vieles ausweglos scheint, brauchen Menschen das Gefühl, etwas bewirken zu können. Auch mit 10 Euro. Auch im Kleinen. Denn nicht die ganze Welt ist verrückt geworden (auch wenn es gelegentlich so wirkt) – es gibt uns noch, die, die an das Gute glauben und für liberale, offene Werte einstehen. Sei mit Deiner Organisation ein Anker für diese Menschen.
- Halte Widersprüche aus. Ja, es ist frustrierend, wenn Menschen zwar den Wald schützen wollen, aber Klimawandel für Unsinn halten. Wenn sie Waisenkindern helfen möchten, aber nur wenn sie nicht von woanders sind. Aber diese Widersprüche gehören leider zur Realität – und wer sie ignoriert, erreicht niemanden mehr. Es ist – und bleibt wahrscheinlich – eine heikle Gradwanderung.
Und manchmal… gibt es keine gute Antwort
Es gibt Momente, da hilft alles nichts. Da kannst Du noch so einfühlsam texten, noch so viele schöne Geschichten erzählen – und der Spendenbutton bleibt trotzdem ungeklickt. Da fragst Du Dich, ob das alles im Angesicht von Hass und “alternativen Fakten” überhaupt noch Sinn ergibt. Und ich finde, das darf man sagen. Vielleicht müssen wir diese Ratlosigkeit nicht sofort unterdrücken, sondern dürfen sie sein lassen.
Denn eines ist sicher: Schweigen ist keine Option. Nicht im Fundraising, nicht im Journalismus, nicht in der Zivilgesellschaft.
Wir haben keine Garantie, dass es funktioniert. Aber wir haben die Verantwortung, es zu versuchen.