Zwischen Abhängigkeit und Autonomie: Das schwierige Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft in Deutschland

Zivilgesellschaftliche Organisationen gelten als zentraler Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Sie stärken sozialen Zusammenhalt, übernehmen wichtige Dienstleistungen und fungieren als kritische Stimme gegenüber Politik und Wirtschaft. Doch genau diese Rolle führt zunehmend zu Konflikten. Ein Beitrag von Rupert Graf Strachwitz im Nonprofit Policy Forum zeigt, wie fragil das Verhältnis zwischen staatlicher Finanzierung und zivilgesellschaftlicher Unabhängigkeit geworden ist.

 

EU-Besorgnis und nationale Besonderheiten

Die Europäische Kommission betont im Rule of Law Report 2025 die Bedeutung unabhängiger zivilgesellschaftlicher Organisationen und fordert Deutschland auf, das Gemeinnützigkeitsrecht zu modernisieren. Die bestehenden steuerlichen Regelungen erschweren vielen Organisationen ihre Arbeit.

Auch die OECD unterstreicht in der Studie Enabling Civil Society (2024), wie wichtig zivilgesellschaftliche Organisationen für die Umsetzung der Agenda 2030 und die Beteiligung marginalisierter Gruppen sind.

Während internationale Institutionen Veränderungen verlangen, entwickelt sich in Deutschland ein gegenteiliger Trend: Politische Akteur*innen – vor allem aus dem konservativen Spektrum – kritisieren NGOs regelmäßig und werfen ihnen politischen Aktivismus unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit vor.

 

Politische Vorwürfe gegen NGOs

Die CDU/CSU argumentiert seit Jahren, dass einzelne NGOs ihre steuerliche Begünstigung missbrauchen würden. Im CSU-Bundestagswahlprogramm 2025 heißt es etwa: „Keine staatliche Finanzierung von linken Vorfeldorganisationen.“

Konservative Publizist*innen wie Björn Harms verstärken diese Vorwürfe, indem sie NGOs als „staatlich alimentierte Lobbygruppen“ darstellen. Strachwitz widerspricht deutlich: Solche Angriffe unterschätzten die verfassungsrechtlich geschützte Rolle zivilgesellschaftlicher Mitgestaltung.

 

Wen treffen die Vorwürfe?

Betroffen ist nur ein sehr kleiner Teil der rund 700.000 zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland. Sportvereine, Wohlfahrtsverbände oder Kulturinstitutionen stehen weiterhin auf breiter gesellschaftlicher Basis. Unter Druck geraten vor allem progressive, politisch aktive Organisationen.

Ein weiterer Kernpunkt der Debatte ist der Begriff der „Privilegien“ im Steuerrecht. Er suggeriert staatliche Sonderbehandlung, tatsächlich handelt es sich jedoch um eine rechtlich begründete Differenzierung zwischen gemeinnützigen und profitorientierten Akteur*innen. Würde diese Grundlage infrage gestellt, könnte dies massive Folgen für die gesamte Zivilgesellschaft haben.

 

Das Phänomen der GONGOs

Ein zunehmend diskutiertes Thema sind GONGOs – Government-Organised NGOs. Diese Organisationen treten formal als NGOs auf, werden aber stark durch staatliche Strukturen geprägt oder gesteuert.

Ein prominentes Beispiel ist das Goethe-Institut. Es ist als Verein organisiert, erfüllt jedoch vor allem Aufgaben der deutschen Außen- und Kulturpolitik.

Die Abgrenzung ist komplex: Staatliche Finanzierung allein macht keine Organisation zur GONGO. Entscheidend sind Kriterien wie die Unabhängigkeit von Entscheidungsprozessen und die Möglichkeit, öffentlich Kritik zu äußern.

 

Was jetzt geschehen muss

Strachwitz sieht sowohl die Zivilgesellschaft als auch Politik und Förderlandschaft in der Pflicht, das Verhältnis neu auszubalancieren. Seine Empfehlungen umfassen:

  • Unabhängigkeit stärken

Organisationen sollten ihre Rolle als demokratische Kontrollinstanz („watchdogs“) ernst nehmen, aber finanzielle Abhängigkeiten reduzieren.

  • Reform des Gemeinnützigkeitsrechts

Weg von der Rhetorik des „Privilegs“, hin zu einer klaren, rechtsstaatlich begründeten Einordnung zivilgesellschaftlicher Arbeit.

  • Klare Abgrenzungen

Unabhängige NGOs und GONGOs müssen transparent unterscheidbar bleiben.

  • Diversifizierte Finanzierung

Mehr Eigenmittel, Fördermittel privater Stiftungen und innovative Fundraising-Modelle verringern die Abhängigkeit von staatlichen Zuschüssen.

  • Konsistente Öffentlichkeitsarbeit

Statt defensiver Rechtfertigung sollten Organisationen ihre gesellschaftliche Rolle und ihre Wirkung selbstbewusst kommunizieren.

 

Eine starke Zivilgesellschaft ist unverzichtbar

In Zeiten wachsender autoritärer Tendenzen in Europa ist eine unabhängige, vielfältige und gut vernetzte Zivilgesellschaft zentral für demokratische Stabilität. Für Deutschland bedeutet das: Politik und Gesellschaft müssen NGOs nicht nur tolerieren, sondern aktiv unterstützen.

Nur dann kann die zivilgesellschaftliche „Soft Power“ ihre Wirkung entfalten – als Garantin für Rechtsstaatlichkeit, Teilhabe und gesellschaftliche Resilienz.

 

Quellen (Auswahl):

  1. Strachwitz, Rupert Graf (2025): The Government – Civil Society Relationship Dichotomy: The Case of Germany. Nonprofit Policy Forum, De Gruyter.
  2. Europäische Kommission (2025): Rule of Law Report – Country Chapter Germany.
  3. OECD (2024): Enabling Civil Society. Paris.
  4. CSU (2025): Deutschland wieder in Ordnung bringen – Bayernagenda zur Bundestagswahl 2025.
  5. Harms, Björn (2025): Der NGO-Komplex – Wie die Politik unser Steuergeld verprasst. München: LMV.
Speichern
Nach oben
Bleibe up-to-date:
Neues rund um NPOs und Fundraising direkt in Deine Mailbox!
Ca. einmal im Monat erwarten Dich im Newsletter unsere aktuellsten Blogartikel, Neuigkeiten aus der Non-Profit-Welt und über die Produkte der FundraisingBox.

Melde Dich gleich an!

Mit der Anmeldung zum Newsletter erklärst Du Dich mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden. Du kannst den Newsletter natürlich jederzeit abbestellen.