Buchrezension: Storyfind: The Handbook for Finding and Telling Your Nonprofit’s Most Impactful Stories (Kerstin Sukraw)
Im Zentrum steht die Überzeugung, dass Storytelling weit mehr ist als Kommunikation. Sukraw versteht das Erzählen als Empowerment – als Möglichkeit für Menschen, Sinn und Bedeutung in ihrer eigenen Geschichte zu erkennen. Das klingt idealistisch, wird im Buch jedoch durch sehr konkrete Methoden untermauert.
Strukturierter Prozess mit Fokus auf Zielen und Zielgruppen
Der Storyfind-Prozess beginnt mit dem „Master Plan“: Wer soll erreicht werden? Welches Ziel verfolgt die Geschichte – Bedarfskommunikation, Awareness, Wahrnehmungswandel, Motivationsimpuls? Und woran lässt sich später messen, ob dieses Ziel erfüllt wurde? Sukraw schlägt vor, die 16 Grundbedürfnisse nach Steven Reiss als Orientierung zu nutzen. Dieser Zugang wirkt zunächst theoretisch, öffnet aber den Blick dafür, wie unterschiedlich Zielgruppen ticken und welche Bedürfnisse die One Big Idea der Story prägen können.
Darauf folgen Schritte zur Story-Findung, -Auswahl und -Organisation sowie ein umfangreicher Praxisteil zum Interviewen. Besonders hilfreich sind die Hinweise, wie man geeignete Storyteller findet und welche Fragen den Einstieg erleichtern.
Interviews mit Sensibilität und handwerklichem Anspruch
Einen breiten Raum nimmt die Kunst des Interviews ein. Sukraw betont, wie wichtig Empathie und Vorsicht sind – gerade bei Menschen, die über belastende Erlebnisse sprechen. Interviews sollen nie in Richtung einer gewünschten Spender*innen-Botschaft gelenkt werden; die Erzählung gehört den Storytellern, nicht der Organisation.
Der Ansatz ist klar: offene Fragen, ein strukturierter Story Arc, bewusste Pausen. „If there is one interview skill to master, it is the discipline of allowing moments of silence at the right times.“ Der Satz fasst gut zusammen, wie sehr Sukraw auf Respekt, Raum und echtes Zuhören setzt. Ergänzt wird das durch praktische Hinweise zu Körpersprache, Atmosphäre und der Frage, wie eine Umgebung geschaffen wird, in der Menschen überhaupt in die Tiefe erzählen können.
Auch der Umgang nach dem Interview wird sorgfältig beschrieben. Sukraw erinnert daran, dass Unsicherheiten bei Storytellern oft erst später auftreten – und dass diese Rückmeldungen ernst zu nehmen sind. Wirkungsgeschichten entstehen nicht nur vor der Kamera oder im Gespräch, sondern auch in der wertschätzenden Nachbereitung.
Editing als Destillation der Essenz
Im letzten Schritt geht es darum, aus umfangreichem Material eine stimmige Story zu formen. Auch hier orientiert sich alles wieder am Master Plan. Sukraw empfiehlt, zunächst das Transkript schriftlich zu verdichten, bevor Video- oder Audiomaterial geschnitten wird. Hinweise zur Musik-Auswahl und zur Gestaltung eines passenden Call-to-Action runden den Prozess ab.
Ein hilfreicher Leitfaden – mit realistischem Rahmen
Insgesamt bietet Storyfind eine verständliche und gut strukturierte Einführung in Text-, Ton- und Videostorys für Nonprofits. Besonders positiv fällt auf, dass Sukraw konsequent die Perspektive der Erzähler*innen in den Mittelpunkt stellt – nicht die Wünsche der Organisation. Dieser Fokus macht das Buch glaubwürdig und ethisch sauber.
Die erzählerische Rahmung über die Figur Sarah, die stellvertretend durch den Prozess geführt wird, lockert die Inhalte auf. Das Buch liest sich dadurch weniger wie ein trockener Leitfaden und mehr wie eine begleitete Lernreise.
Natürlich wird die Storyfind-Methode nicht in jeder Organisation und mit jeder Person eins zu eins funktionieren. Menschen, Ressourcen und Kontexte unterscheiden sich zu stark. Doch als Orientierung, als strukturierte Hilfestellung und als Haltungsempfehlung für respektvolles Storytelling liefert Sukraw einen wertvollen Beitrag zur Wirkungskommunikation im Nonprofit-Sektor.
P.S.: Für Kindle-Nutzende ist das Buch aktuell kostenlos lesbar!