Wenn aus Lüge Krise wird: Wie NGOs auf Desinformationsangriffe reagieren können
Ein kürzlich erschienener Fachartikel von Elise Lael Kieffer und Kevin M. Carr (Journal of Nonprofit Innovation, 2025) zeigt anhand zweier erschreckender Fallstudien, wie Nonprofits ins Fadenkreuz geraten – und wie sie sich schützen können.
Fall 1: Save the Children – Retter oder Schlepper?
Im Jahr 2017 engagierte sich Save the Children im Rahmen der Mittelmeerkrise in der Seenotrettung Geflüchteter. Während einer Rettungsmission gerieten sie ins Visier italienischer Medien und rechter Gruppen. Ein Video, ausgestrahlt im italienischen Fernsehen, zeigte Rettungsszenen – scheinbar in Kooperation mit Menschenschmugglern. Ein Mann auf einem nahegelegenen Boot schlug einen Geflüchteten, während Mitarbeiter*innen von Save the Children in unmittelbarer Nähe arbeiteten.
Der Vorwurf: Save the Children arbeite mit Schleppern zusammen, um Flüchtlinge illegal an Land zu bringen.
Die Motivation: Politisch. Rechte Gruppen wollten die Flüchtlingsrettung diskreditieren und Migration kriminalisieren.
Die Realität: Das Video wurde aus dem Kontext gerissen und später als Hoax entlarvt. Forensische Analysen entlasteten die Organisation vollständig. Doch der Schaden war da – Misstrauen, internationale Medienberichte und Rechtfertigungsdruck.
Die Antwort: Save the Children wählte eine doppelte Strategie:
- Leugnung: „Wir kommunizieren nicht mit Schleppern.“
- Imagepflege („Polish the halo“): Fokus auf gerettete Leben und internationale Rechtskonformität.
Das Problem: Die sachliche, lange Erklärung verpuffte auf Social Media. Die Wiederholung des Vorwurfs im Statement verstärkte sogar ungewollt die Falschinformation.
Fall 2: American Red Cross – Hilfe oder Betrug?
Nach dem verheerenden Hurrikan Harvey 2017 veröffentlichte eine Frau aus Texas ein Facebook-Video, in dem sie behauptete, das American Red Cross werfe gespendete Güter weg – darunter Decken, Hundefutter und Transportboxen. In der 1:30 Minuten langen Aufnahme behauptete sie zudem, dass Freiwillige und Evakuierte schlecht behandelt würden.
Die Reichweite: Über 10 Millionen Aufrufe und 425.000 Shares – innerhalb einer Woche.
Die Motivation: Laut Analyse war der Angriff nicht politisch motiviert, sondern hatte offenbar das Ziel, gezielt dem Markenimage zu schaden. Vielleicht aus Frustration, Groll oder schlicht aus Aufmerksamkeitssucht.
Die Antwort:
- Leugnung: Offizielles Statement, dass es keinen solchen Befehl gab.
- Debunking: Die Rednerin sei 300 km vom Lagerhaus entfernt gewesen, man habe sie aufgefordert, Beweise zu zeigen – ohne Reaktion.
- Angriff: Direkter Angriff auf die Glaubwürdigkeit der Absenderin.
- Bildung: Facebook-Post „The Dangers of Rumors and Misinformation“ mit Fokus auf Hilfsleistung, Freiwilligenarbeit und Einladung zur Beteiligung.
Das Ergebnis: Der Gegenangriff war durchdacht, vielschichtig und wurde kanalübergreifend geführt – inkl. Blogartikel. Die Organisation konnte den Schaden begrenzen, verlor aber wertvolle Zeit mit Aufklärung.
Kann das jeder NGO passieren?
Kurz gesagt: Ja. Desinformationskampagnen können jede Organisation treffen, unabhängig von Größe, Reichweite oder politischer Haltung. Besonders gefährdet sind jedoch:
- Organisationen mit sichtbarer internationaler Arbeit oder Krisenengagement
- NGOs in politisch polarisierten Kontexten
- NGOs mit geringer Social-Media-Präsenz oder schwach ausgebauter Community
Vier Strategien zur Krisenreaktion: Was hilft wirklich?
Die Forschung identifiziert vier grundlegende Reaktionsmuster auf Desinformation:
1. Denial (Leugnung)
Ein reines „Das stimmt nicht“ wirkt oft zu defensiv – oder wird sogar als Schuldeingeständnis wahrgenommen.
Beispiel: Beide Organisationen starteten mit einer klaren Leugnung – wirkungslos ohne weitere Maßnahmen.
2. Debunking (Entlarvung)
Kritische Prüfung, Faktenchecks, Quellenbeweise – idealerweise durch Dritte.
Aber Achtung: Die Wiederholung der Lüge in der Richtigstellung kann deren Wirkung verstärken.
Beispiel: Die Red Cross zerlegte das Video Schritt für Schritt und verwies auf überprüfbare Widersprüche.
3. Attack (Angriff)
Den Fokus vom Inhalt der Desinformation auf die Quelle legen – und deren Glaubwürdigkeit hinterfragen.
Beispiel: Der Red Cross-Post benannte die Angreiferin namentlich und stellte ihre Aussagen öffentlich infrage.
4. Education (Bildung & Imagepflege)
Positive Geschichten erzählen, Wirkung zeigen, eigene Werte betonen – emotional, nicht belehrend.
Beispiel: Der Satz „Sorry, wir haben Wichtigeres zu tun, als auf Lügen zu reagieren“ wirkt stark und positioniert Red Cross moralisch überlegen.
Was hat sich bewährt?
Multiplattform-Kommunikation: Das Red Cross war auf Facebook, im Blog, auf der Website aktiv – und konnte den Kommunikationskanal selbst kontrollieren.
Community mobilisieren: Wer bereits eine loyale Anhängerschaft hat, kann schneller und glaubwürdiger reagieren. Save the Children hatte diese Rückendeckung nicht.
Klare Sprache: Emotionale, einfache Botschaften schlagen lange Rechtfertigungen.
Gesicht zeigen – im Guten wie im Schlechten: Täter*innen und Held*innen benennen hilft, Aufmerksamkeit zu steuern.
Sieben Empfehlungen für Deine Organisation
- Baue Dir Deine Social-Media-Community jetzt auf – nicht erst in der Krise.
- Kommuniziere klar, kurz und aktiv.
- Fokussiere Dich auf Deine Unterstützer*innen – nicht auf die Kritiker*innen.
- Benenne gezielt die Angreifer*innen, wenn es strategisch sinnvoll ist.
- Zeige Gesichter: Deine Zielgruppen, Deine Wirkung, Deine Mission.
- Behalte die Hoheit über Deine Kanäle.
- Reagiere kanalübergreifend – nicht nur auf der Website.
Was zählt, ist Vertrauen – und Vorbereitung
Ob politisch motiviert oder durch Einzelpersonen verursacht – Desinformationsangriffe sind kein hypothetisches Risiko mehr, sondern eine reale Herausforderung für NGOs. Wer vorbereitet ist, kann nicht nur besser reagieren, sondern gestärkt aus der Krise hervorgehen. Kommunikation, die Vertrauen aufbaut, ist kein „Nice-to-have“, sondern ein strategischer Pfeiler jeder wirkungsorientierten NGO-Arbeit.